
Ein Casting vorbereiten: was Marken vorher klären sollten
Über den Ablauf eines Castings aus Sicht des Models ist viel geschrieben worden: was man anzieht, wie man sich vorbereitet, wie man mit Absagen umgeht. Deutlich weniger darüber, was auf der anderen Seite passieren muss, damit ein Casting überhaupt zu einer guten Entscheidung führt.
Denn die häufigste Ursache für ein unbefriedigendes Casting liegt nicht bei den Kandidaten.
Was sollte vor dem Casting feststehen?
Die Rolle, nicht nur der Typ. „Jung, sympathisch, natürlich“ beschreibt kein Anforderungsprofil, sondern eine Stimmung. Entscheidend ist: Was tut die Person im Bild? Spricht sie? Bewegt sie sich? Interagiert sie mit einem Produkt, mit anderen Menschen, mit einer Umgebung?
Ein Model, das großartig stillsteht, ist nicht automatisch die richtige Wahl für einen Spot mit Sprechtext.
Die Anzahl der zu besetzenden Plätze. Wer drei Models sucht, castet anders als wer eines sucht – weil dann die Kombination zählt, nicht nur die Einzelbesetzung. Zwei sehr ähnliche Gesichter nebeneinander funktionieren im Bild oft schlechter als zwei unterschiedliche, die einzeln jeweils schwächer wirkten.
Wer entscheidet. Wenn die Entscheidung später von jemandem getroffen wird, der beim Casting nicht dabei war, wird am Ende auf Basis von Fotos entschieden. Dann hätte man das Casting sparen können – oder man holt die entscheidende Person dazu.
Der Zeitrahmen. Sowohl der des Castings als auch der bis zur Entscheidung. Kandidaten halten Termine frei. Eine Rückmeldung nach drei Wochen findet niemanden mehr verfügbar – und beschädigt die Bereitschaft, beim nächsten Mal zu kommen.
Was mitzubringen ist. Kleidung, Schuhe, Requisiten. Wer das nicht angibt, bekommt Kandidaten in dem, was sie ohnehin anhatten.
Wie viele Kandidaten sind sinnvoll?
Weniger, als die meisten annehmen.
Eine gut vorbereitete Vorauswahl aus dem Classic-Board mit acht Kandidaten führt regelmäßig zu einer besseren Entscheidung als dreißig Termine in Folge.
Ab etwa zwölf Kandidaten setzt Ermüdung ein. Die Bewertung verschiebt sich: Wer zuletzt kommt, wird anders wahrgenommen als wer zuerst kam – nicht weil er besser oder schlechter ist, sondern weil das Team inzwischen einen Vergleichsmaßstab entwickelt hat, den die ersten Kandidaten nicht kannten.
Wer viele sichten muss, sollte in Blöcken arbeiten und zwischen den Blöcken bewusst zurückschauen.
Was gehört in die Casting-Einladung?
Damit Kandidaten vorbereitet erscheinen:
- Art der Produktion – Kampagne, E-Commerce, Spot, Editorial
- Ungefährer Ablauf und Dauer des Termins
- Ob Text gesprochen wird und ob er vorab kommt
- Welche Kleidung mitzubringen oder anzuziehen ist
- Wer vor Ort ist – Kunde, Regie, nur Casting
- Ob gefilmt wird und was mit dem Material geschieht
- Termin und Zeitfenster der Produktion, für die gecastet wird
Der letzte Punkt ist entscheidend und fehlt am häufigsten. Ein Kandidat, der am Drehtag ohnehin nicht kann, muss nicht zum Casting kommen.
Wer nur Ort und Uhrzeit schickt, bekommt Kandidaten, die raten müssen – und die Ergebnisse entsprechend.
Live-Casting oder E-Casting?
Live lohnt sich, wenn Ausstrahlung im Raum, Bewegung, Zusammenspiel mit anderen oder die Reaktion auf Anweisungen entscheidend sind. Man sieht, wie jemand auf Korrekturen reagiert – das lässt sich per Video schwer beurteilen.
E-Casting genügt, wenn es um Typ, Sprache vor der Kamera oder eine erste Vorauswahl geht. Es spart allen Beteiligten Wege und ermöglicht, Kandidaten aus anderen Städten einzubeziehen.
Viele Produktionen kombinieren beides: E-Casting zur Vorauswahl, Live-Termin mit den letzten drei bis fünf. Das ist meist die wirtschaftlichste Variante und die mit der besten Entscheidungsgrundlage.
Was ist bei der Dokumentation zu beachten?
Wenn beim Casting gefilmt oder fotografiert wird, gehört geklärt, was mit dem Material geschieht: Wer sieht es, wie lange wird es aufbewahrt, wird es gelöscht.
Das ist kein Formalismus. Castingmaterial zeigt Menschen in einer Situation, die nicht für Veröffentlichung gedacht war – und es intern weiterzureichen oder zu archivieren, ohne das vereinbart zu haben, ist ein vermeidbares Problem.
Häufige Fragen
Werden Castings vergütet? In der Regel nicht. Bei erheblichem Aufwand – lange Anreise, ganztägiger Termin, aufwendige Vorbereitung – gibt es Ausnahmen, die vorab zu vereinbaren sind.
Wie lange dauert ein Casting-Termin? Meist fünf bis fünfzehn Minuten pro Kandidat. Bei Sprechrollen oder Bewegung entsprechend länger.
Kann die Agentur beim Casting dabei sein? Bei größeren Besetzungen üblich, sonst eher nicht. Sie bereitet die Kandidaten aber vor und nimmt die Rückmeldung entgegen.
Was tun, wenn niemand passt? Dann stimmt meist eine Annahme im Briefing nicht. Statt die Kandidatenzahl zu erhöhen, lohnt sich ein Gespräch darüber, welche Anforderung sich als unrealistisch erwiesen hat.
Fazit
Ein Casting ersetzt keine Konzeptarbeit. Wer weiß, welche Rolle zu besetzen ist und wer entscheidet, braucht wenige Kandidaten und wenig Zeit.
Wer es nicht weiß, sieht viele Menschen, entscheidet am Ende nach Gefühl – und wundert sich am Drehtag, warum die Besetzung nicht trägt.
Wie der Ablauf aus Model-Sicht aussieht, steht im Model & Creator Guide.