Modelmarkt Europa: Was sich verändert hat – Einblicke vom Scouting-Trip


Der europäische Modelmarkt hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Nach einem europaweiten Scouting-Trip – mit Besuchen bei Agenturen in mehreren Ländern – gibt Silvia Leifheit, Scouterin von Most Wanted Models, konkrete Einblicke in das, was sich strukturell verschoben hat.

Online-Castings haben Live-Castings fast vollständig ersetzt

Was während COVID als Notlösung begann, ist heute Standard: Kunden in ganz Europa casten nicht mehr persönlich, sondern am Bildschirm. Vorauswahl per Material, Casting per Video-Call – die Gewohnheit hat sich festgesetzt. „Die Kunden haben sich an Online-Castings gewöhnt – aus Bequemlichkeit oder weil sich der Arbeitsablauf einfach geändert hat.“

Das verändert, was ein Model können muss. Wer sich vor einer Kamera im eigenen Zimmer nicht gut präsentieren kann – schlechtes Licht, falsche Kameraführung, keine Präsenz am Screen – verliert Castings, die früher im persönlichen Kontakt gewonnen worden wären. Umgekehrt profitieren Models, die sich online gut präsentieren, aus Märkten heraus, in denen sie früher gar nicht erst zu Castings eingeladen worden wären.

Modelschwemme: der Markt ist übersättigt

Nach den COVID-Reisebeschränkungen hat eine massive internationale Bewegung eingesetzt. Models aus Brasilien, Asien und ganz Europa drängen gleichzeitig in alle Märkte. Lokale Models, die während COVID gut gearbeitet haben, verlieren Jobs an internationale Konkurrenz – und verstehen oft nicht warum.

Der Grund ist strukturell: Durch Diversity-Öffnung ist das potenzielle Modelangebot um ein Vielfaches gewachsen. Früher galten enge Maß- und Größenvorgaben. Heute können deutlich mehr Menschen als Model arbeiten – was das Angebot massiv ausgeweitet hat, ohne dass die Nachfrage im gleichen Verhältnis gewachsen ist. „Wir haben ein relativ großes, wenn nicht sogar Überangebot an Models im Markt.“

On-Stay-Märkte in Europa sind weitgehend geschlossen

Was früher selbstverständlich war – ein Model nach Mailand, Paris oder London schicken und dort platzieren – funktioniert heute kaum noch. Die großen Märkte nehmen keine neuen Models mehr auf: volle Agenturen, Online-Castings statt Live-Präsenz, kein Bedarf mehr an physisch anwesendem Talent. „Die Pforten sind relativ zu.“

Besonders betroffen sind osteuropäische Agenturen, die traditionell vom internationalen Placement lebten und nun vor einem existenziellen Problem stehen: keine eigene lokale Industrie, keine Buchungen aus den Industriemärkten.

Kapstadt: mehr Urlaub als Karrieresprung

Kapstadt war lange ein attraktiver Markt für editoriale Strecken und Buchaufbau. Das hat sich verschoben. Die Gagen sind gesunken, große Magazine produzieren kaum noch dort, und die Castings für relevante Kampagnen laufen im Januar – gebucht und fotografiert wird erst im März und April. Wer im Januar vier Wochen hinreist und joblos zurückkommt, hat Zeit und Reisekosten investiert ohne Gegenwert.

„Wenn ein Model nach Kapstadt will, sagen wir: das ist eigentlich Urlaub. Tu es eher unter der Prämisse – wenn dann mal ein Job ist, gut.“

Asiatische Märkte sind dagegen noch offen – für die richtigen Typen. Wer passt, kann dort gut verdienen. Wer nicht passt, sollte es nicht erzwingen.

Was jetzt zählt: Persönlichkeit, Netzwerk, Offenheit

Der Wettbewerb hat sich verschärft. Was Models aus der Masse herausholt, ist nicht mehr nur der Look – Persönlichkeit ist zum entscheidenden Faktor geworden. Kunden suchen Individualität, eine erkennbare Haltung, etwas, das bleibt.

Dazu kommt Netzwerkarbeit: Test-Shootings mit Fotografen, Stylisten und Make-up-Artists sind nicht nur Buchaufbau – sie sind Beziehungsaufbau. „Work comes from work.“ Wer sichtbar ist, wird empfohlen. Wer zu oft Nein sagt, fällt in einer überfüllten Pipeline schnell raus.

Fazit

Der Modelmarkt in Europa ist komplexer geworden. Eine gute Modelagentur navigiert diese Verschiebungen – kennt, welche Märkte noch offen sind, welche Gagen realistisch sind und wo sich der Aufwand lohnt. Für Models bedeutet das: professionelles Online-Casting-Setup, starke Persönlichkeit, aktives Netzwerk – und eine Agentur, die den Markt wirklich kennt.